Gemeinsam für Berlin e.V.

Schluss mit schnellen Lösungen

Schluss mit schnellen Lösungen – systemisch denken lernen – nachhaltig die Stadt erreichen“
Vortrag von Dr. Bianca Dümling
Berliner Institut für Urbane Transformation

1. Studientag für Urbane Mission und Transformation 17.10.2015

Vielleicht kennt ihr das Gefühl, dass ihr bei einem Vortrag oder einer Predigt in die Komplexität eines Themas eintauchen möchtet, den Anspruch habt, jedes Detail zu beleuchten, aber eigentlich nur Zeit für eine Einführung zur Verfügung steht. So geht es mir bei dem Thema „Schluss mit schnellen Lösungen - systemisch denken lernen – nachhaltig die Stadt erreichen“. Dazu kommt, dass systemisches Denken ein Thema ist, bei dem selbst Experten offen sagen, dass sie es nicht in ihrer Komplexität durchdrungen haben. Als Berliner Institut für urbane Transformation (BIT) und Gemeinsam für Berlin sind wir selbst erst auf dem Weg zu erforschen, wie uns systemisches Denken helfen kann, die Stadt und Gemeinden in ihrer Komplexität besser zu verstehen, zu entdecken, wo Gott am Werk ist und wo wir umdenken müssen.

Ihr seid in guter Gesellschaft, wenn dieser Vortrag neue Fragen aufwirft. Das ist ein gutes Zeichen. Die Herausforderung bleibt es für uns alle, diesen Fragen nachzugehen und im Gespräch miteinander zu bleiben. Das ist die Essenz des systemischen Denkens.

Ich möchte mit zwei Geschichten oder Begebenheiten beginnen.

 Ich kenne eine Gemeinde, die durch einen monatlichen Gästegottesdienst Menschen den Zugang zum Glauben und der Gemeinde erleichtern wollte. Der Gottesdienst wurde mit viel Aufwand vorbereitet. Es wurden Flyer gedruckt und ein großes Essen für die Zeit der Begegnung vorbereitet. Und dann an dem Sonntag kamen vielleicht zwei Leute, die vorher noch nie dagewesen waren. Im nächsten Monat und dem darauffolgenden kamen auch nicht wirklich mehr neue Leute. Die Besucherinnen und Besucher der ersten Gästegottesdienste schienen ebenfalls nicht regelmäßig zu kommen. Der Gästegottesdienst wurde nicht weiter fortgeführt – Frustration und Ratlosigkeit blieben übrig.

 Eine andere Gemeinde entwickelte ein innovatives Kinderprogramm parallel zum Gottesdienst. Zuerst gab es einen eigenen Worship für die Kinder, dann ein Anspiel mit thematischem Impuls und zum Abschluss Kleingruppen, die den Impuls altersgerecht aufbereiteten. Das Programm war attraktiv und zeitgemäß, das Bühnenbild phänomenal. Das Programm war erfolgreich und es kamen nicht nur die Kinder der Gemeindemitglieder. Der Aufwand und Anspruch war jedoch sehr groß. Das führte dazu, dass immer mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter absprangen. Das Programm konnte die Qualität nicht mehr halten und es kamen weniger Kinder, vor allem die ‚gemeindefernen‘ Kinder blieben weg.

 Vielleicht kennt ihr ähnliche Geschichten oder habt sie am eigenen Leib erlebt. Die Motivation dieser Veranstaltungen war die Sehnsucht, dass Menschen in unserer Stadt Jesus begegnen. Diese Sehnsucht ist hoffentlich aus der Liebe zu Gott und den Menschen geboren und bildet eine wichtige Grundlage unseres missionarischen Handelns. Dennoch scheint diese Sehnsucht nicht auszureichen, dass die Menschen Jesus wirklich begegnen. So haben wir attraktive und innovative Konzepte und Projekte entwickelt, aber oft blieb der Erfolg aus oder es erreichte nur Leute aus anderen Gemeinden, die schon an Jesus glauben oder diejenigen, die ihre Beziehung zu ihm erneuern wollten. Es scheint, dass die Menschen in unserer Nachbarschaft und unserem persönlichen Umfeld nicht am Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, interessiert sind.

 In den letzten Jahren haben sich viele Theologinnen und Theologen sowie Praktikerinnen und Praktiker darüber Gedanken gemacht, wo und wie Gemeinde sich verändern müsste. Es wird von missionalen Gemeinden oder FreshEx als neue Gestalt von Gemeinde gesprochen. Die theologische Grundlage basiert auf der Inkarnation. Jesus kam zu uns in die Welt. In der konkreten Lebenswelt der Menschen begegnete er ihnen, der Frau am Brunnen, den Fischern und Zöllnern. Auch wir sind dazu aufgerufen, Jesus in den Lebenskontext um uns herum zu bringen, dorthin, wo die Menschen leben und arbeiten.

 Ich freue mich sehr, dass später einige Praxisbeispiele vorgestellt werden, in denen genau das geschieht - Gruppen und Gemeinden haben sich heraus begeben und begegnen den Menschen außerhalb des Gemeindehauses.

 Deutlich ist, dass es nicht mehr so funktioniert wie früher. Betont wird überall, dass wir uns von schnellen, einfachen Lösungen verabschieden müssen -  Schluss mit schnellen Lösungen! Es bedarf also eines Prozesses des Umdenkens. Aber wie lernen wir wirkliches Umdenken, ohne in alte Verhaltensweisen oder Lösungsstrategien zurück zu fallen? Hier kommt nun der Untertitel des Studientages ins Spiel: ‚systemisch denken lernen – nachhaltig die Stadt erreichen‘.

 Das systemische Denken ist dabei ein Denkansatz, der uns zum einen hilft umzudenken und zum anderen, die Strukturen und Verhaltensweisen, die uns prägen, aufzudecken. Systemisches Denken ist kein Zusatzprogramm und ersetzt keine theologische Reflexion, sondern es ist ein Handwerkszeug, das uns dabei hilft, sehen zu lernen, was um uns geschieht. Es kann uns helfen, Ansatzpunkte unseres Handelns zu finden, die mit kleinen Veränderungen große Auswirkungen erzielen. Auf ‚Systemdeutsch‘ heißt das, die Hebelwirkungen zu entdecken. Wie jede Disziplin oder Kultur hat auch systemisches Denken sein eigenes Vokabular. Bitte lasst euch davon nicht irritieren. Ich hoffe, dass ich gute Übersetzungshilfen leisten kann.

 Unter uns gibt es viele Praktikerinnen und Praktiker, die schon intuitiv systemisch handeln. Sie erspüren die Dynamiken eines Systems und agieren darin höchst effizient. Oft sind es gerade diejenigen, die nicht in einer westlich geprägten Gesellschaft aufgewachsen sind, zum Beispiel Menschen aus dem afrikanischen oder asiatischen Kontinent. Von ihnen können wir sehr viel lernen. Wenn sie jedoch gefragt werden, wie sie das genau machen, dann fällt es ihnen oft schwer, es zu artikulieren, da es für sie so natürlich ist.

 In Boston gab es eine haitische Gemeinde, die ohne große finanzielle Mittel und außergewöhnliche Programme kontinuierlich gewachsen ist und einen gesunden Eindruck machte. Wir haben sie gefragt, was ihr Geheimnis ist. Die Antwort des Baptisten- Pastors war: der ‚Heilige Geist‘. Zu dem kann man nur sagen: ‚Ja, Amen, der Heilige Geist wirkt.‘ Bei genauem Hinschauen haben wir aber auch herausgefunden, dass es in der Gemeinde eine große Kultur der praktischen Unterstützung gab. Dies bezog sich auf die Gemeindemitglieder untereinander, aber auch in die jeweiligen Beziehungsnetzwerke hinein. Durch die natürlichen Beziehungen und das Leben teilen kamen immer mehr Leute in die Gemeinde und zu Jesus. Für die Gemeindemitglieder war das kein ‚soziales Programm‘ sondern es gehörte einfach zum Leben dazu.

 So kann der systemische Ansatz auch helfen, solche Zusammenhänge aufzudecken, damit wir noch besser voneinander lernen können. Unser Beispiel zeigt, wie unerlässlich es ist, Beziehungen außerhalb der Gemeinde zu haben und darin authentisch Leben und Ressourcen zu teilen.

 Obwohl das Systemdenken im säkularen Kontext entwickelt bzw. entdeckt wurde, bezieht es sich auf Konzepte, die für uns als Christinnen und Christen eigentlich selbstverständlich sein sollten. Für Peter Senge, einer der bedeutenden Systemdenker in den USA, ist METANOIA das Schlüsselwort. METANOIA bedeutet auf Griechisch UMDENKEN aber auch UMKEHR, also Buße.

 Bevor wir jetzt tiefer ins systemische Denken einsteigen, möchte ich noch kurz definieren, was ein System ist. Oft wird systemisch nämlich auch mit systematisch verwechselt. Ein System besteht aus verschiedenen Teilen, die in einer wechselseitigen Beziehung zueinander stehen und ein gemeinsames Ziel haben.

Es wird zwischen einfachen bzw. technischen Systemen und komplexen bzw. lebendigen Systemen unterschieden. Ein technisches System ist zum Beispiel ein Toaster oder die BVG. Ein lebendiges System ist zum Beispiel eine Katze oder ein Mensch. Ein lebendiges System entsteht ebenfalls dort, wo Menschen zusammen kommen und sich ein Beziehungsnetzwerk entwickelt, also zum Beispiel in einer Familie, einer Gemeinde oder einer Stadt.

Wichtig ist dabei zu verstehen, dass Systeme eine eigene Verhaltensweise oder Struktur hervorbringen, also mehr als die Addition der einzelnen Teile sind. Das ‚Verhalten eines Systems‘ ist dabei verschiedenen ‚Systemgesetzen‘ unterworfen. Systemgesetze sind Grundsätze, die in unterschiedlichen Systemen immer wieder zu finden sind, oder Prozesse, die wirken, ohne dass wir sie bewusst initiieren. Dazu komme ich aber später noch einmal.

Im Kontext der Stadtforschung spricht die Soziologin Martina Löw von der „Eigenlogik der Städte“. Sie meint damit, dass sich die Struktur einer Stadt auf deren Bewohner auswirkt, die Stadt sich so gewissermaßen in die Körper ihrer Bewohner einschreibt, dass der positive oder negative Blick etwa auf geographische Gegebenheiten die Stimmung in einer Stadt prägt, dass Melancholie oder Optimismus damit zusammenhängen, ob die Bürger einer Stadt aktiv an deren Gestaltung teilhaben. Zentral ist es dabei, die stillschweigend wirksamen Prozesse der Sinnformung einer Stadt aufzudecken.

Obwohl es Systemgrenzen gibt, z.B. die Ehe oder die Schule, stehen die jeweiligen Systeme wiederum miteinander in Beziehung: der Mensch ist Teil einer Gemeinde, die Gemeinde ist Teil einer Stadt, die Stadt ist Teil eines Landes, das Land ist Teil der Welt. Oft sind technische und lebendige Systeme auch miteinander verbunden, zum Beispiel ein künstliches Kniegelenk oder die Buchhaltung einer Gemeinde.

Wie in dem Clip am Anfang deutlich wurde, können Systemarten auch darin unterschieden werden, dass die technischen Systeme von Menschenhand entwickelt wurden und die lebendigen Systeme von Gott geschaffen sind. Deshalb ist systemisches Denken nicht nur ein theoretischer Ansatz, sondern es hat seinen Ursprung in der Schöpfung. Gott hat Himmel und Erde geschaffen. Die Schöpfung besteht aus Systemen, Wasser und Erde, Menschen und Tiere, Pflanzen und Steine, die in wechselseitiger Beziehung stehen und deren ultimatives Ziel die Gemeinschaft mit Gott ist.

Gott schuf Himmel und Erde und es war gut. Die Schöpfung war ‚gut‘, die Systeme funktionierten, so wie Gott es vorgesehen hatte. Es gab keine Beziehungsstörungen. Dann kam der Sündenfall und die Beziehungen wurden manipuliert. Alles was übrig blieb, waren dysfunktionale Systeme, eine gefallene Welt. Ist das eine System dysfunktional, beeinflusst es die Systeme drum herum ebenfalls negativ. Weist eine Gemeinde ungesunde Strukturen auf, ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel geringer, dass sie transformativ in ihrer Nachbarschaft wirkt. Wenn die unterschiedlichen Teile eines Systems an einem Strang ziehen, also das gemeinsame Ziel vor Augen haben und in guten Beziehungen miteinander stehen, besteht ein großes Potential, dass Gemeinden positiv in die Nachbarschaft hineinwirken.

 Wir leben in dem Glauben, dass Gott die gefallene Welt erneuern wird, dass Shalom wiederhergestellt wird, also die Beziehung zwischen Gott und Mensch, den Menschen untereinander, die Beziehung mit sich selbst und die Beziehung zur Umwelt. Das Reich Gottes hat heute schon angefangen. Beziehungen können auch heute schon wiederhergestellt werden. Gott benutzt uns dazu, genau dies in unseren Städten, Nachbarschaften oder Arbeitsstellen zu tun.

In diesem Sinne können wir systemisch denken auch als Ansatz sehen, in dem wir unser Handeln mit dem Handeln Gottes in Einklang bringen. Es geht darum, funktionierende Beziehungen zwischen den jeweiligen Systemteilen und den Systemen untereinander wiederherzustellen. Darauf weist auch Paulus hin, wenn er vom Leib Christi mit seinen unterschiedlichen Gliedern spricht, die alle zusammengehören und aufgerufen sind, gute Beziehungen zueinander zu pflegen.

Wenn wir von dem ‚christlichen Dienst‘ sprechen, gibt es zwei Ebenen, die geistliche und die ‚handwerkliche‘. Die geistliche Ebene bedarf geistlicher Disziplinen, zum Beispiel Gebet, und die andere Ebene bezieht sich darauf, was wir machen oder wie wir Dinge ausführen. Die beiden Ebenen sind eng miteinander verbunden. Ich möchte noch einmal betonen, dass wir die Ebenen nicht voneinander trennen dürfen, auch wenn ich den Fokus in diesem Vortrag ein wenig mehr auf die handwerkliche Ebene lege. Systemisch Denken ersetzt gerade nicht Gebet, sondern wir sind darauf angewiesen, dass der Heilige Geist uns leitet, die Systeme, in denen wir uns bewegen zu verstehen und die Zusammenhänge aufzuspüren.

Wie schon gesagt, das Geheimnis der Systemtheorie liegt darin, dass es oft nur kleine Änderungen benötigt, um große Veränderungen zu erzielen. Aber Maßnahmen mit der stärksten Hebelwirkung sind häufig zugleich die unauffälligsten, das heißt wir müssen die verborgenen Stellen suchen. Genau hier brauchen wir Gebet und den Heiligen Geist. Bei einem Schiff ist es zum Beispiel das Trimmruder, das durch kleine Bewegungen das große schwerfällige Schiff lenken kann. Auch in der Finanzwirtschaft wird nach der Hebelwirkung gesucht. Auf Grund ihrer Komplexität ist es in lebendigen Systemen sehr viel herausfordernder, Hebelwirkungen zu finden. Manchmal reicht es, herauszufinden, wer die heimliche Leiterin oder der Leiter ist, um Veränderung in einer Gemeinschaft zu initiieren. Wie wir später noch sehen werden, ist es sehr viel komplexer.

 Das systemische Denken ist demnach die Suche nach den Hebelwirkungen, also Handlungsansätzen, die mit wenig Kraft die gewünschten Auswirkungen auf das ganze System haben. Doch leider sind wir nicht sehr geübt darin, diese zu finden, damit unser Handeln die gewünschten Auswirkungen hervorbringt. Oft treffen wir daneben und unser Handeln löst leider auch unbeabsichtigte negative Wirkungen aus. Die Nebenwirkungen bei Medikamenten, eine Wirtschaftskrise, die Situation in Syrien, bzw. die Flüchtlingskrise, ausgebrannte Gemeindemitarbeitende zum Beispiel.

Es geht also darum, die Hebelwirkungen zu finden und unbeabsichtigte negative Auswirkungen zu vermeiden. In christlicher Sprache würde es vielleicht so heißen: sich mit Gottes Handeln verbinden, der Sünde trotzen und Buße tun. Wie schon gesagt, METANOIA, also Umkehr und Buße ist hier ein entscheidender Aspekt.

In dem kurzen Clip am Anfang ( https://vimeo.com/10232428) wurde erwähnt, dass unsere Gesellschaft so sehr ausdifferenziert ist, dass wir uns im Normalfall nur auf die einzelnen Teile der Systeme fokussieren. Wir erkennen deshalb viele Systemzusammenhänge und Beziehungen zwischen den einzelnen Teilen nicht. Und oft verlieren wir auch das gemeinsame Ziel, die Vision aus den Augen, was ein entscheidender Bestandteil des Systems ist. Aus diesem Grund fällt es uns schwer, die Hebelwirkungen in einem System zu erkennen.

Unser Partner in Boston, das Emmanuel Gospel Center, macht sich schon seit einigen Jahren darüber Gedanken. Ich hatte das große Vorrecht, drei Jahre dort mitzuarbeiten. Meine weiteren Ausführungen werden sich auch auf ihre Erfahrungen und Erkenntnisse beziehen.

Warum erkennen wir die Systemzusammenhänge und Hebelwirkungen nicht?

Im Folgenden möchte ich vier Gründe hierfür aufzeigen:

(1) Wir schauen nicht genau hin, weil es uns zum Beispiel nicht interessiert, was um uns herum passiert. Hauptsache, uns geht es gut. Oder wir sind zu beschäftigt mit unserer Arbeit und Freizeit. Aber auch weil wir vielleicht nicht hinschauen dürfen, es von der Firmenleitung nicht erwünscht ist, Systemzusammenhänge oder Dysfunktionen aufzuklären.

(2) Hier möchte ich zuerst mit euch ein kleines Experiment machen. Viele von euch kennen es wahrscheinlich schon, aber es demonstriert den nächsten Punkt, der uns oft am Sehen und Erkennen hindert.  http://www.theinvisiblegorilla.com/gorilla_experiment.html 
Die meisten Menschen, die diesen Film zum ersten Mal sehen, erkennen den Gorilla nicht. Wir können Dinge oft nicht sehen, weil wir sie nicht erwarten. Wir konzentrieren uns so sehr auf alles, was uns vertraut ist und verpassen dabei Dinge, die nicht in unser Denkmuster passen.

(3) Was kommt euch in den Sinn, wenn ihr dieses Bild seht? Mein erster Gedanke war, dass es etwas mit der ‚Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender Szene‘ zu tun hat. Im Tutu Projekt (http://thetutuproject.com/) geht es eigentlich darum, über Brustkrebs zu informieren. Ob wir die Kampagne gut finden oder nicht, ist eine andere Frage. Auf jeden Fall erkennen wir die Systemzusammenhänge nicht, da wir eine Situation leicht falsch interpretieren, obwohl wir hinschauen.

 

(4) Dann gibt es noch die Situation, bei der wir genau hinschauen und es doch nicht verstehen.

Wenn wir verstehen, warum wir die Systeme nur so schwer erkennen, dann können wir lernen, diese Hindernisse zu überwinden. Hier sind einige Anregungen, wie wir besser sehen lernen.

 (1) Sich auf Recherche begeben: Lasst uns bewusst unsere Umgebung wahrnehmen. Geht spazieren. Lest Zeitung und Bücher. Sprecht mit Menschen. Denkt über die Zusammenhänge nach.

(2) Beziehungen bauen: Durch Beziehungen zu Menschen mit unterschiedlichen kulturellen oder sozialen Wurzeln lernen wir, Situationen durch andere bzw. neue Perspektiven zu betrachten. Wie viele Freunde habt ihr, von denen ihr sagen würdet, dass sie total anders seid als ihr? Redet mit ihnen!

(3) Buße tun: Wir werden immer wieder Dinge falsch verstehen und vorschnelle Urteile fällen. Hier bedarf es der Demut und Buße.

(4) Ringen: Das Ringen bedarf sehr viel mehr Anstrengungen. Wir müssen mit dem Ringen, was vor uns liegt, immer wieder. Wir brauchen das Durchhaltevermögen, um immer wieder genau hinzuschauen.

Rainer wird am Nachmittag noch konkrete Methoden vorstellen, die uns ganz praktisch helfen, besser sehen lernen zu können.

Außerdem hilft es uns, wenn wir allgemeine Systemgesetze oder Dynamiken verstehen, die das Systemverhalten beeinflussen. Wir können ihnen dann proaktiv entgegenwirken. Ich würde jetzt gerne im Detail auf die Systemgesetze eingehen, aber aus Zeitgründen kann ich sie nur kurz erwähnen.

Ein wichtiges Systemgesetz ist die Zeitverzögerung: Zwischen unserem Handeln und den Konsequenzen besteht eine Unterbrechung. Wir spüren die Konsequenzen nicht direkt, sie sind meist erst über einem langen Zeitraum sichtbar. Je länger die Verzögerungen sind, desto mehr handeln wir nach den scheinbar bewährten Strategien und der Schaden wird umso größer. Das Gleichnis vom gekochten Frosch illustriert das sehr gut. Wenn wir einen Frosch in heißes Wasser tun, hüpft er schnell heraus. Wenn wir hingegen das Wasser, in dem der Frosch sitzt, langsam und stetig erwärmen, bleibt der Frosch sitzen und zeigt zunächst alle Zeichen von Wohlbefinden, bis er vor lauter Wärme langsam schlaff und kraftlos wird, bevor er vor Hitze verendet. Wir sind nicht darauf trainiert, langsame Veränderungen wahrzunehmen, auch wenn diese unsere (Überlebens-)Bedingungen nachhaltig beeinträchtigen. Häufig merken wir deshalb auch nicht, dass eine bestimmte Lösung die Probleme nur in einen anderen Teil des Systems verlagert, weil die Veränderung einfach zu langsam vonstattengeht – oder diejenigen, die das Problem „gelöst“ haben, nicht dieselben sind, die das neue Problem haben. Es wird in diesem Zusammenhang von einer Problemverschiebung gesprochen, das heißt Symptome werden behandelt und nicht die zugrundeliegenden Probleme.

Dies führt zu einem weiteren Systemgesetz, das besagt, dass vor allem bei schnellen Interventionen die Situation oft erst besser wird, also das Problem kurzfristig gelöst wurde, bevor dann die negativen Konsequenzen eintreten. Die Handlungen scheinen Erfolg versprechend zu sein, aber dann geht es bergab. Ein Beispiel dafür ist das Kinderprogramm, das am Anfang erfolgreich war, aber dann zum Burnout der Mitarbeitenden führte und daraufhin an Qualität verlor.

Ein weiteres Gesetz ist, dass es bei komplexen, also lebendigen Systemen kaum lineare Zusammenhänge gibt, sondern dass es immer um die Systemstruktur, bzw. die wechselseitigen Beziehungen geht. Zum Beispiel ist es oft nicht ausreichend, wenn ein Geschäftsführer oder Pastor ausgewechselt wird, sofern die Organisation ungesunde Strukturen hat. Manchmal ist das natürlich auch richtig.

Es gibt noch einige andere Systemgesetze, die ich hier leider nicht vertiefen kann. Aber ich werde zum Schluss noch verraten, wo ihr mehr darüber lernen könnt.

Ich möchte nun unsere unbewussten bzw. gewohnten Problemlösungsstrategien oder Verhaltensmuster betrachten. Auch hier gilt, erst wenn wir verstehen, welche Denkprozesse uns oft leiten oder welchen Systemgesetzen wir im Unterbewusstsein ausgesetzt sind, können wir destruktive Systemzusammenhänge und Beziehungen verändern und die positiven stärken.

Gewöhnlich handeln wir nach der Methode der Werke:

 

 

 

Gerade bei technischen Systemen funktioniert das sehr gut. Mein Toaster ist kaputt, Streichen von Gemeinderäumen, Verschicken von Einladungen.
Kommen jedoch die lebendigen Systeme ins Spiel, wird das alles sehr viel komplexer. Ein Beispiel ist der Welthunger und der Lieferung von Nahrungsmitteln.


 

Die Methode der Werke führt also zu folgender Realität: 

 

Nun möchte ich die Beispiele vom Anfang wiederaufgreifen.

Für die eine Gemeinde war es ein Problem, dass sie kein gutes Kinderprogramm hatten. Sie entwickelten einen Plan, um das zu ändern und führten ihn aus. Das Kinderprogramm war ein großer Erfolg, jedenfalls für einige Zeit. Doch der hohe Arbeitsaufwand führte dazu, dass es immer mehr Mitarbeitenden zu viel wurde. Dadurch entstanden viele Konflikte zwischen den Mitarbeitenden. Diese nicht beabsichtigten Nebenwirkungen wurden ignoriert und eine beachtliche Anzahl der Mitarbeitenden hörten auf. Ich nenne diese Phänomen ‚Gemeindemitarbeitsburnout Symptom‘. Die Konsequenz war, dass die Qualität des Kinderprogramms abnahm, weniger Kinder von außerhalb kamen und sehr viele Beziehungen wie ein Haufen voller Scherben da lag. Das ist nun die Stelle, an der sich die Frage stellt, ob ich etwas unternehme oder es ignoriere vielleicht in der Hoffnung, dass sich schon wieder alles einrenkt.

Dann ist da noch die Gemeinde mit dem Gästegottesdienst. Da der Gästegottesdienst nicht funktionierte, wurde er eingestellt und das anfängliche Problem wurde nicht gelöst, sondern der Fokus, dass Menschen Jesus kennen lernen sollen gerät ebenfalls aus dem Blick. Resigniert die Gemeinde hier und ignoriert den Auftrag, missionarisch zu sein? Wird sie ihren Blick wieder nur nach innen richten?

Auch hier steht die Gemeinde an einer Weggabelung.

Diese Beispiele zeigen, dass viele gut gemeinte Handlungen unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben. Oft sind diese negativ oder kontraproduktiv. Mitarbeiter sind ausgebrannt, die Vision wird aus den Augen verloren, die lokale Agrarwirtschaft wird lahm gelegt und die Hungersnot verschärft.

Bevor wir darüber sprechen, wie wir mit den unbeabsichtigten negativen Auswirkungen umgehen, möchte ich noch anmerken, dass die Auswirkungen manchmal auch positiv sein können, zum Beispiel die Entdeckung von Penicillin.

Alexander Fleming entdeckte, dass eine seiner Bakterienkulturen von den Sporen eines Schimmelpilzes befallen worden war. Als er die verunreinigte Probe wegwerfen wollte fiel ihm auf, dass sich überall dort, wo sich der Pilz ausbreitete, keine Bakterien ansiedelten und dort, wo welche vorhanden waren, diese sogar eingingen. Das Phänomen regte ihn zu weiteren Versuche an und so entstand das Penicillin.

Ein weiteres Beispiel ist die öffentliche Sicherheit nach Sonnenuntergang auf den Straßen von Fortaleza, einer Stadt in Brasilien. Lange hat sich niemand nachts auf die Straße getraut aus Angst vor Überfällen und Vergewaltigung. Vor ein paar Jahren entstand dort eine kleine Erweckungsbewegung. Da es keine großen Gemeindehäuser gab, trafen sich die Gläubigen in vielen kleineren Versammlungsorten an unterschiedlichen Tagen in der Woche zum Gebet und zur Bibelstunde. Deshalb waren sie nachts unterwegs. Schick gekleidet mit der Bibel unter dem Arm wurden sie zu einer neuen abendlichen öffentlichen Präsenz und führte auf den Straßen unbeabsichtigt zu öffentlicher Sicherheit. Die Anzahl der Gewalttaten nahm ab.

Es lohnt sich, nach diesen positiven unbeabsichtigten Auswirkungen zu suchen und von ihnen zu lernen. Dort scheinen wir, intuitiv systemisch gehandelt zu haben.

Da wir Teil einer gefallenen Welt sind, wir in manipulierten Beziehungsgeflechten leben, können wir Kontraproduktivität nicht komplett vermeiden, aber wir können sensibler werden und lernen, die Auswirkungen unseres Handelns besser einschätzen zu können.

Wie schon gesagt, stehen die beiden Gemeinden an einer Weggabelung – ignorieren wir die nicht beabsichtigten negativen Auswirkungen, die jedoch eine Realität sind, oder unternehmen sie etwas. Doch was?

Nun kommt die Metanoia wieder ins Spiel, also ein grundsätzliches Umdenken, die Umkehr oder auch Buße. Ein Alternative zur Methode der Werke bezeichnet das Emmanuel Gospel Center das ‚redemptive Methode‘. Mir ist keine wirklich gute Übersetzung eingefallen, deshalb belasse ich es bei diesem Namen. 


Ich wage zu behaupten, dass unser Bewusstsein, Buße zu tun, sich hauptsächlich auf moralisches Fehlverhalten oder bewusste Täuschung bezieht. Wieso müssen wir Buße tun für Dinge, die wir überhaupt nicht beabsichtigt haben, für die wir uns nicht verantwortlich fühlen? Wir haben es ja gut gemeint.

Vor diesem Hintergrund ist es oft gar nicht so einfach, zu sehen, wo unsere mentalen Modelle, also unsere Herzenshaltungen verändert werden müssten oder wo wir Buße tun müssten. Hier wird deutlich, wie wichtig das Gebet und das Wirken des Heiligen Geistes in diesem Zusammenhang ist. Meiner Wahrnehmung nach müssen wir ein neues Gefühl von Bußfertigkeit entwickeln, gerade auch im Hinblick auf systemische Aspekte.

Kommen wir zurück zu dem Beispiel mit dem Kinderprogramm. Für die Gemeinde war es ein Problem, dass sie kein gutes Kinderprogramm hatte. Sie entwickelte einen Plan, um das zu ändern und führte ihn aus. Das Kinderprogramm war ein großer Erfolg, jedenfalls für einige Zeit. Was bedeutet für diese Gemeinde nun, die unbeabsichtigten negativen Auswirkungen und mentalen Modelle zu bekennen, die sie erzeugt haben?

Als negative Auswirkungen lassen sich die Burnouts der Gemeindemitglieder sowie die Konflikte untereinander erkennen. Die mentalen Modelle, die dem zugrunde liegen, sind vielfältig: ‚Wir tun alles für das Reich Gottes, alles andere ist nicht wichtig‘; ‚Solange das Programm funktioniert, müssen wir uns nicht um die Mitarbeitenden kümmern‘; ‚ Der andere ist faul und lässt mich alles alleine machen‘… Hier ist Vergebung auf verschiedenen Ebenen nötig, zwischen den Verantwortlichen und den Mitarbeitenden, den Mitarbeitenden untereinander, aber auch dafür, dass die eigenen Grenzen nicht geachtet werden. Das bildet eine neue Grundlage, auf der nach einem alternativen Ansatz bzw. der Hebelwirkung gesucht werden kann.

Ich möchte auch noch einmal auf das Beispiel mit dem Gästegottesdienst zurückkommen. Ich habe euch noch nicht die ganze Geschichte erzählt. Früher wohnten viele Gemeindemitglieder in der unmittelbaren Umgebung des Gemeindehauses. Der Stadtteil veränderte sich und viele Gemeindemitglieder zogen fort und es bestand so gut wie kein Kontakt mehr zu den Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft des Gemeindehauses. Die Gäste, die eingeladen werden, wohnen also außerhalb und müssen weit fahren. Auf meine Rückfrage, warum sie keine Beziehungen zu der Nachbarschaft aufbauen, hieß es, dass die neuen Bewohnerinnen und Bewohner so anders sind und nicht in die Gemeinde passen würden. In diesem Beispiel sehen wir verschiedene Dynamiken und Stellen, an denen Buße und Umkehr notwendig ist: Die negative Einstellung zur Nachbarschaft sowie der Verlust der Sehnsucht, dass Menschen Jesus begegnen können.

Buße steht für die Entscheidung umzudenken. Vergebung steht dafür, dass wir am Alten nicht mehr festhalten müssen, sondern etwas Neues wagen dürfen.

Nun bleibt noch die Aufgabe:„Wie finde ich einen alternativen Ansatz, der im System funktioniert?“. Keine einfache Aufgabe, bei der es schnelle Lösungen gibt! Hier müssen wir besser sehen lernen. Rainer wird euch später praktische Übungen beschreiben, die euch helfen, mit diesen Fragen zu ringen.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal einige Aspekte zusammenfassen, die ihr euch im Hinterkopf merken solltet, wenn ihr versucht besser sehen zu lernen:

  • Reflexion und Bekennen der Auswirkungen des eigenen Handelns > um unbeabsichtigte negativen Auswirkungen zu vermeiden, bzw. konstruktivere Wege zu finden.
  • Nach dem Unscheinbaren Ausschau halten, auf die leisen Stimmen hören > dem Heiligen Geist lauschen, aber auch Menschen, die nicht immer sofort alles dominieren oder besser wissen.
  • Die Systemgesetze ergründen
  • Die Wahrnehmung von Veränderungsprozessen statt Momentaufnahmen
  • Die Wahrnehmung von Wechselbeziehungen statt nach linearen Ursache-Wirkung Zusammenhängen zu suchen

Abschließend kann ich nur noch einmal unterstreichen, dass systemisches Denken ein Ansatz ist, der uns hilft umzudenken, Buße zu tun und gleichzeitig freisetzt wieder neues auszuprobieren. Die Lösung kann nicht sein, zu sagen: wir haben es probiert, es funktioniert nicht und jetzt ergeben wir uns unserem Schicksal.

Donella Meadows, ebenfalls eine der großen Systemdenkerinnen aus den USA fordert die Leserinnen und Leser in ihrem Buch „Die Grenzen des Denkens. Wie wir sie mit System erkennen und überwinden können“ heraus, ohne Unterlass zu experimentieren, denn nur so können wir die wirklichen Hebelwirkungen erkennen. Dem kann ich mich nur anschließen und ermutige euch immer wieder zu experimentieren. Ich freue mich, dass wir gleich von Gruppen und Gemeinden hören, die diesem Rat gefolgt sind, zu experimentieren, neues auszuprobieren, sich von alten Vorstellungen loszureißen und sich dabei vom Heiligen Geist haben leiten lassen.

Falls ihr nach meinem Vortrag noch mehr über systemisches Denken wissen möchtet, dann schlage ich euch diese beiden Bücher vor:

 

Meadows, D. (2010) Die Grenzen des Denkens. Wie wir sie mit System erkennen und überwinden können. München: Oekom Verlag.

Senge, P. M. (2011) Die fünfte Disziplin. Kunst und Praxis der lernenden Organisation. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag. 

Nov05

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