Gemeinsam für Berlin e.V.

The Cat and the Toaster - Teil 23

Dr. Douglas Hall: The Cat and the Toaster - Living System Ministry in a Technological Age

Folge 23 der deutschen Zusammenfassung
Autor: Axel Nehlsen

Mit dem vorletzten Teil unserer Zusammenfassungen nähern wir uns dem Ziel. Das Buch von Dr. Douglas Hall über das systemische Denken und Handeln für eine Stadt ist auch für uns in Berlin zum wichtigen Leitfaden geworden. Wegen des Umfangs und der Wichtigkeit der Schlusskapitel des Buches gibt es entgegen meiner Ankündigung nun doch noch einen weiteren Teil.

Teil 6 (Kap. 25-26): Die Reise beginnt

Im Anschluss an Offenbarung 3,21 entwickelt der abschließende Teil 6 des Buches, wie die Vorwegnahme unserer Herrschaft mit Christus in der neuen Schöpfung die Art und Weise gestaltet, in der wir hier und jetzt als Christen der Stadt dienen. Die Stadt ist heute der Inbegriff von Technologie und einer konstruierten, von Menschen geschaffenen Wirklichkeit. Umso revolutionärer, dass es in der neuen Schöpfung eine himmlische Stadt ist, die auf die Erde kommt! Auch Hebräer 11,16 spricht von der himmlischen Stadt. Sicherlich wird diese mit „göttlicher Technologie“ erbaute Stadt die menschlichen urbanen Schöpfungen bei weitem übertreffen. Und doch wird es eine ewige Stadt sein, die eigentlich nicht ohne Technologie vorstellbar ist. Sowohl christliche Stadtarbeit als auch Himmel und Reich Gottes sind immens konkrete und praktische Kategorien, zwar hoch komplex und nicht unmittelbar wahrnehmbar, aber sehr konkret und erfahrbar.

Die Integration der Technologie in die neue ewige Stadt scheint das geradezu perfekte Vorbild dafür zu sein, wie unsere heutige Stadtkultur die christliche Kultur beherbergen kann. Die (technologische, bisher westliche) Sekundärkultur wird global immer mehr zum normalen Kontext christlicher Gemeinden - auch da, wo im globalen Süden bisher die Primärkultur (mit ihrem intuitiven Zugang zu komplexen lebenden Systemen) vorherrschte. Sie befindet sich fast überall im Übergang (The Great Transition) zur Sekundärkultur. Die neue Schöpfung kann so zum Integrations-Modell für unsere technologische Kultur werden. Ja, es ist die einzige Hoffnung der Christenheit in der (globalen, technologischen) Sekundärkultur, dass sie dem Modell der neuen himmlischen Schöpfung folgt, denn die schließt Stadt und Technologie ein. Natürlich war menschliche Technik nicht Teil der ersten Schöpfung. Die neue Schöpfung jedoch zeigt perfekte Wechselwirkungen zwischen den physischen, sozialen und spirituellen Aspekten der Wirklichkeit, die sämtlich in einem riesigen lebendigen System zusammen wirken.

Die komplexen Wechselwirkungen der neuen Schöpfungsrealität erfordern auch entsprechende Denkmodelle. Hall stellt vier „Adam-und-Eva-Modelle“ dem Denken in den Kategorien der neuen Schöpfung gegenüber:

 

Schöpfungsmodelle

 

Zu 1. Kontrolle: Ein Problem zu definieren, gibt uns lediglich die Illusion, es zu kontrollieren. Reduktionistische Modelle passen für konstruierte Wirklichkeiten, jedoch nicht für lebendige Sozialsysteme wie hoch komplexe Städte. Beispiel: Ein soziales Problem wird nicht allein durch objektive Datenerhebung einer Lösung zugeführt. Das gilt erst recht für geistliche Prozesse. Beispiel: Obwohl wir viel über den Niedergang des Christentums in der westlichen Welt wissen, kontrollieren wir ihn in keiner Weise; unsere Maßnahmen scheinen ihn nur zu beschleunigen. Alle Versuche von Evangelisation über Gemeindegründungen bis zu Konferenzen können sowohl produktiv als auch kontraproduktiv sein – wir bekommen es einfach nicht in den Griff. Die Erscheinungen des Quiet Revival in Boston dagegen sahen von außen zwar völlig chaotisch aus; aber die Graswurzel-Gemeinden waren in ihrer Komplexität so effektiv für das sie umgebende lebendige System, dass nur der Heilige Geist die Kontrolle haben konnte!

 

 

Zu 2. Veränderung: Hier greift Hall erneut auf, dass es bei komplexen lebendigen Systemen keinen simplen Ursache-Wirkung-Zusammenhang gibt, sondern dass erst die vernetzten Variablen z.B. einer Gemeinde mit ihrem Kiez die breitere Realität bilden. Geistliche Frucht können wir durch keine Methode erzeugen, sie gehorcht vielmehr dem Geheimnis organischen Wachstums. Das gilt auch für die menschliche Rolle in der Transformation von Städten. Z.B. hatten in Boston (evangelistische, soziale) Einsatzteams von außen nie nachhaltige transformative Wirkungen; Grund ist die Immunität von Systemen gegen externe Einflüsse. Aber wenn die Vitalität von Christen als Teil der Stadt einen optimalen Punkt erreicht hatte, produzierte das System selbst transformative Energie. Ein anderes Beispiel: Es reicht nicht, einige Frauen aus der Prostitution zu retten, um eine Stadt zu verändern; das kann die Lage sogar verschlimmern. Man muss vielmehr an den richtigen Punkten der Stadt systemisch intervenieren, so dass sie keine Prostitution mehr hervorbringt. Die Probleme müssen bei ihren Ursachen angegangen werden, und zwar indem wir unser Denken und Handeln so gut wie möglich mit dem koordinieren, was Gott schon dabei ist zu tun. Das Reich Gottes wächst durch komplexe, oft sogar zunächst nicht sichtbare Vorgänge, die sehr viel mehr organisch als organisiert sind. Auf die müssen wir uns kontextsensibel einstellen mit allem, was unsere Gemeinden und Werke tun.

 

Vorher – Nachher nach rund 30 Jahren: Sichtbare Transformation eines Kiezes durch die Dudley Street Neighborhood Initiative (DSNI)

 

Zu 3. Zeit: Wir sind in unserer Kultur (besonders der westlichen, stärker noch der amerikanischen) auf Kurzzeit-Returns getrimmt. Gottes Reich braucht jedoch Langzeit-Investments. Weil das von Doug und Judy Hall gegründete Emanuel Gospel Center sich zusammen mit seinen gemeindlichen Partnern über lange Zeiträume in der Stadt involviert (es feierte gerade 75 Jahre Bestehen und arbeitet seit rund 40 Jahren in der hier beschriebenen Weise), kann es auch die langfristigen Prozesse der lebendigen Systeme verfolgen. Kurzzeit-Projekte erreichen oft das Gegenteil des Erwünschten, sind also kontraproduktiv; sie erzeugen allenfalls die Illusion, etwas vollbracht zu haben. An Stelle dessen müssen wir dieses mentale Modell lernen: „ Gott, nicht unsere Organisation, lässt alles zu seiner Zeit geschehen.“

Kapitel 27 bis 29 und damit der Abschluss folgen in Kürze.

Aug08

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