Gemeinsam für Berlin e.V.

The Cat and the Toaster - Teil 22

Douglas Hall: The Cat and the Toaster - Living System Ministry in a Technological Age
Folge 22 der deutschen Zusammenfassung

Autor: Axel Nehlsen

Mit einem vorletzten Teil setzen wir unsere Zusammenfassung des für uns so wichtig gewordenen Buches von Dr. Douglas Hall aus Boston über die Theorie von lebendigen Systemen fort.

Teil 4 (Kap. 21-24): Die Türen öffnen
Wie das ganze Buch hindurch wird auch hier der biblische Bezug zum Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea in Offenbarung 3 hergestellt. Hier ist es der Vers 20, wo der auferstandene Christus sagt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ Durch das Erkennen der falschen Denkmodelle und vergeblichen Versuche, mit menschlicher Machbarkeit geistliches Leben zu erzeugen, führt Christus uns in seiner Liebe dahin, ihm die Türen unseres Denkens und Handelns zu öffnen. Es geht nicht so sehr darum, Dinge für ihn zu tun, sondern mit ihm. Als Freunde des Meisters können wir Mitarbeitende seiner Arbeit, Mitwirkende seines Wirkens werden.

Das setzt Lernbereitschaft bis ins Alter voraus, und zwar nicht nur intellektuelle, sondern auch emotionale und intuitive. Als Freunde und nicht Knechte des Meisters wird es immer stärker möglich, nicht lediglich das Richtige zu tun, sondern unbewusst in der Art von Jesus zu handeln. Dazu gehört etwa, nicht selbst als Meister das eigene Reich zu bauen, sondern auf ihn hörend als Freunde an seinem Reich mitzuwirken. Warnsignale der Abweichung von diesem Weg können sein: das Stöhnen unter der Überforderung des Dienstes – sein Joch aber ist sanft; eine Überfülle von Gemeindeprogrammen – er aber will leichte Lebendigkeit; das Anwachsen von Problemen – er aber will, das geistliche Vitalität wächst. Hinter all dem steckt oft eine versteckte Haltung der Werkgerechtigkeit.

Im Hören auf die Stimme des Meisters verändern sich unsere Zugangswege: Wir sehen eine Not, Jesus aber teilt sein Leiden an der Not mit uns; statt dass wir einen Plan entwickeln, nimmt er uns in die lebendigen Systeme hinein; statt dass wir den Plan erfüllen, nimmt er uns als Mitarbeiter an seine Seite; nicht wir erzielen Erfolge, sondern entdecken, wie Gott selber sehr lebendige Ergebnisse hervorbringt, die Leben multiplizieren. Denn Vervielfältigung ist das Ziel aller lebendigen Systeme und also auch unseres Dienstes darin!

Das hat weitreichende Konsequenzen für die Praxis des geistlichen Dienstes. So wie das Pferd den Karren ziehen muss und nicht umgekehrt, müssen die lebendigen Systeme absolute Priorität vor dem eigenen Machen haben: es geht um Gebären und nicht Herstellen, Vervielfältigen statt Addieren. Also brauchen wir hier v. a. Menschen, die systemisch handeln (system actors). Im Rahmen der Stillen Erweckung in Boston waren das oft Immigranten aus familiären Kulturen, deren Stärke in Beziehungen, Gebet und Glaube lag. Intuitiv verhalten sie sich in komplexen Systemen richtig. Wenn sie oder auch westlich Geprägte bewusst anfangen nachzudenken, wie der Dienst in solchen lebendigen Systemen aussieht, werden sie zu Systemdenkern (system thinkers). Diese kennzeichnet Hall so: Sie nutzen komplexe Wahrnehmung, Intuition und unterbewusstes Verstehen gleichermaßen, um in Bereiche jenseits des Bewussten vorzudringen; dann aber nehmen sie das Gelernte bewusst wieder auf, um es auf künftige Lernprozesse anzuwenden. Solche Praktiker, die systemisch denken, können sich oft intuitiv gut in komplexen Systemen bewegen. Sie wissen, dass individuelles und lokales Handeln immer das beeinflussen wird, was regional oder sogar global läuft. Solche Leute können dazu beitragen, dass Gemeinden und Werke in Harmonie mit dem lebendigen System der Stadt oder Kultur arbeiten. Die gleichen Anforderungen sind auch an die Sozialwissenschaften zu stellen; z.B. ist eine systemische und praxisorientierte Soziologie sehr hilfreich für die Missiologie.

Die Dudley Street Neighbor Initiative im Süden Bostons ist ein überzeugendes
Beispiel  für die Transformation eines Stadtteils in Harmonie mit dem lebendigen
System der Stadt, initiiert und bis heute mit geleitet durch Christen.

Ob und wie menschliche Machbarkeits-Technologie (also „toaster“) überhaupt im Rahmen eines lebendigen Systems (also „cat“) nutzbar ist, hängt davon ab, ob sie dominiert und damit zerstört - oder in der richtigen Art in das lebendige System.eingebettet ist. Im zweiten Fall kann sie großen Nutzen entwickeln. Die Verpflanzung von lebendigen Christen aus Migrationsgemeinden in ein neues Umfeld ist ein Beispiel dafür: Wenn sie sich in das soziale Leben an ihrem neuen Wohnort einbringen, entstehen oft neue Gemeinden. Transplantation als etwas Organisches bringt neues Leben hervor. Dagegen wird eine künstliche mechanische Implantation hinein in einen fremden Kontext oft misslingen – es sei denn, sie ordnet sich einer gemeinsamen systemischen Vision unter.

Die Stille Erweckung in Boston (Quiet Revival) hat über rund 35 Jahre die Zahl der Gemeinden in der Stadt mehr als verdoppelt und den Gottesdienstbesuch in etwa verfünffacht. Das ist der statistische und geistliche Hintergrund von Halls Argumentation, dass Multiplikation das natürliche Ergebnis von Living System Ministry ist. Die beeindruckenden sozialen Veränderungen in vielen Stadtteilen (z. B. vom kriminellen Slum zum sicheren Wohngebiet, und zwar mit derselben sozialen Schicht!) sind zwar nicht alle von Christen oder Kirchen initiiert worden, aber in kaum einer Stadtteil-Initiative fehlen sie. Eins der Geheimnisse der Transformation ist sicherlich das Zusammenwirken von Christen und Gemeinden mit anderen (säkularen, religiösen, kommunalen) Gruppen, z. B. im Community Development und Community Organizing (bei uns Bürgerplattform). So wurden Armut und Ungerechtigkeit, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Gesundheitsnotstand erfolgreich minimiert.

Hall identifiziert drei treibende Faktoren (engines) für den Fluss des Evangeliums von einem sozialen Raum in einen anderen: Städte, Beziehungskulturen und Diaspora-Bewegungen. Alle drei sind in sich lebendige und komplexe Organismen.
Städte sind wie riesige Herzen, die Menschen, Güter, Dienstleistungen, Wirtschaftskraft, Ideen, Trends usw. anziehen und ausstoßen in die Region oder das Land. Schon immer hat das den Lauf des Evangeliums mit beeinflusst, positiv oder negativ. Städte sind deshalb (heute noch mehr) die entscheidende Eintrittspunkte für die Mission.  

Beziehungs-Kulturen sind schon immer ein fruchtbarer Boden für die Verbreitung des Evangeliums gewesen, heute besonders in den primären Kulturen der Migranten. Da erreicht die Mission nicht nur Individuen, sondern ganze Gruppen, die ihrerseits wieder Gruppen erreichen.

Diasporagruppen aus Einwanderern, Flüchtlingen und anderen bilden schließlich einen fruchtbaren Boden für die Mission. Die Erfahrungen in Boston und New England zeigen, dass die dortigen Einwanderer ihren Glauben durch ihre Beziehungsnetze wiederum zurück in ihre Heimatländer tragen, wo Gemeinden sich wieder vervielfältigen.


Chinesisch-indische Missionars-Familie in Boston

Diese drei treibenden Kräfte wirken oft ineinander und verstärken sich systemisch gegenseitig. Die Aufgabe der Mission erfüllt sich, wenn das geistliche Leben durch diese vielfältigen menschlichen Beziehungen hinein fließt in das soziale Umfeld, wo die Menschen leben. Und wenn sich das weiter multipliziert, dann ist Erweckung da! 

Jul20

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