Gemeinsam für Berlin e.V.

Mit einem Gebet fing alles an

Mit einem Gebet fing alles an

 Vor ein paar Tagen hörte ich so nebenbei von, nennen wir sie Hildegard, die vor über 30 Jahren angefangen hat, ihr Herz und ihre Tür für Flüchtlinge zu öffnen. Mir war sofort klar, dass ich diese inzwischen alte Dame treffen möchte. Wir telefonierten und sie lud mich zum Frühstück ein. 

In den letzten Monaten sind viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Als Christen sind wir beauftragt zu handeln, aber oft stehen wir ohnmächtig da und wissen nicht, wo wir anfangen sollen. Ich möchte das Zeugnis von Hildegard erzählen, als Ermutigung und als Beispiel, wie dieser Auftrag ganz schlicht umgesetzt werden kann.

 

Vor vielen Jahren bat sie Gott um drei Dinge: (1) Sie möchte eine geistliche Mutter für junge Menschen werden, (2) Abenteuer erleben und (3) eine General(in) in Gottes Armee sein.

Hildegard engagierte sich viele Jahre in ihrer Kirchengemeinde und war bereit, der Führung des Heiligen Geistes zu folgen. 1980 besuchte sie die erste europäische Aglow-Frauenkonferenz, die in Berlin stattfand. In dieser Zeit kamen viele Flüchtlinge aus Ghana, Sri Lanka und die Boat People aus Vietnam nach Deutschland. Die Referentin und Gründerin von Aglow, Joy Dawson, wies darauf hin, dass Gott diese Menschen nach Deutschland kommen lässt, damit sie hier Jesus kennenlernen. Hildegard fand das sehr einleuchtend, da es mit Jesaja 58 übereinstimmte. Nach diesem Kapitel hat sie ihr Leben ausgerichtet: „Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!  Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.“ (Jesaja 58, 6-8)

 

Hildegard betete also, dass Gott sie, als alleinstehende Frau, gebrauchen würde, damit diese Menschen, die Gott schickt, Jesus kennenlernen können. Sie betete und wartete. Ein ganzes Jahr geschah nichts. Dann bekam sie den Auftrag ihres Pastors, eine Dame aus Charlottenburg abzuholen, die in der Gemeinde einen Vortrag halten sollte. Schon vor deren Haus hörte sie Menschen fröhlich singen und klatschen. Als ihr die Tür geöffnet wurde, sah sie junge Männer aus aller Welt, die zusammen feierten. Genau in diesem Moment wusste Hildegard, dass ihr Gebet erhört worden war. Das Abenteuer begann. Ihr Leben wurde auf den Kopf gestellt und heute hat sie geistliche Kinder auf der ganzen Welt.

 

Durch eine Südamerikanerin kam Hildegard kurz danach in Kontakt mit jungen Menschen aus Afrika, Madagaskar, aus Süd- und Mittelamerika, die im Ostblock studierten und für einige wenige Tage im Jahr nach Westberlin kamen, um Gegenstände zu kaufen, die dort nicht verfügbar waren. Viele dieser Studenten waren von da an in der Zeit ihres Berlin-Aufenthaltes Gäste bei Hildegard. Einen ihrer geistlichen Söhne aus allererster Zeit durfte ich, zusammen mit seiner litauischen Frau, bei meinem Treffen mit Hildegard kennenlernen. Er erzählte, dass er durch sie zum ersten Mal Wärme in Deutschland spürte, nachdem er so viel menschliche Kälte und Ablehnung erlebt hatte. 

Einfach war es für Hildegard nicht immer. Sie musste ihren Hauskreis verlassen, denn dieser hielt es nicht für angebracht, dass eine alleinstehende Frau junge ausländische Männer beherbergte und seelsorgerlich betreute.

 

Als ihre Wohnung zu klein wurde und die Nachbarn sich über die vielen jungen Menschen, die so fröhlich sangen und tanzten, beschwerten, war es an der Zeit, umzuziehen. Hildegard schrieb einen Brief an Gott, indem sie 19 Wohnungswünsche aufführte, deren Erfüllung es bedurfte, damit der begonnene, ständig wachsende Dienst weitergeführt werden konnte. Auf den ersten Blick schien es unrealistisch, dass es solch eine Wohnung wie die von Gott erbetene überhaupt geben würde. Aber fünf Wochen, nachdem sie ihre Wünsche Gott vorgelegt hatte, erhielt sie genau diese erbetene Wohnung zu einer sehr günstigen Miete. 

 

Hildegard wusste, dass viele Studenten im Bahnhof Zoologischer Garten, egal ob Sommer oder Winter, umgeben von ihren Einkäufen, mit dem Rücken an der Wand sitzend, übernachteten, da sie kein Geld für ein Hotel hatten. Deshalb fuhr sie immer wieder zum Bahnhof,  sammelte sie ein und gab ihnen eine heiße Mahlzeit und einen Schlafplatz im Wohnzimmer auf dem Teppich. Egal wie viele Personen kamen, es gab immer genug für alle zu essen und ein Platz zum Schlafen fand sich auch. Es wurde gesungen und getanzt, die Bibel studiert und gebetet. 

 

In dieser Wohnung haben in den letzten 30 Jahren über tausend Leute aus vielen Nationen auf dem Teppich übernachtet, oftmals 10 bis 15 gleichzeitig, und den Herrn Jesus Christus kennengelernt. Viele von ihnen haben zum ersten Mal von Jesus gehört und seine Liebe ganz praktisch durch Hildegard erfahren. Mit ungefähr 25 Personen hat sie bis heute sehr engen Kontakt. Auf der ganzen Welt verstreut haben sie ihren Familien nach ihrer Rückkehr in die Heimat von Jesus erzählt und sind nun Salz und Licht in den Führungspositionen, die sie in ihrem Land haben, als Politiker, Juristen, Journalisten, Geschäftsleute, Wissenschaftler und vor allem auch als Pastoren.  

 

Hildegard wuchs während des Krieges auf, hatte keine Privilegien oder Reichtümer. Das einzige, was sie mitbrachte, war die Bereitschaft Gott zu dienen, in dem sie Jesaja 58 ernst nahm. Sie öffnete ihr Herz und ihr Haus und erreichte so die Nationen für Jesus.

 

Mich hat diese Begegnung ermutigt und inspiriert. Genauso wie vor 30 Jahren kommen heute Flüchtlinge in unser Land, die ein offenes Herz und eine offene Tür brauchen. Hildegard ist nun über 80 Jahre alt. Es ist an der Zeit, dass wir ihr Erbe antreten und ihrem Vorbild folgen.

 

Dr. Bianca Dümling

 

Mär16

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